Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) setzt auf nachhaltiges Wildschweinmanagement

Wer kennt nicht die Geschichte vom bösen Wolf? Kann man auch Tieren Gruselmärchen erzählen? Das Team von Schwarzwildschaden.de hat mit ZHAW-Forscher Dr. Stefan Suter gesprochen und dieser sagt klar: „Ja“. Er entwickelte mit seiner Forschergruppe ein ausgeklügeltes Lautsprechersystem, welches in seinen Worten „im offenen Feld für Wildschweine eine Umgebung der Unsicherheit kreiert“. Das Ziel ist dabei stets klar: Vergrämung von Wildschweinen aus landwirtschaftlichen Kulturen. Die „böse Wolf“ – Methode beweist im ZHAW-Forschungsprojekt seine Effektivität so durchschlagend, dass es den akustischen Wildschweinschreck bereits kommerziell zu erwerben gibt. Klingt ziemlich ausgefuchst.

Der Grusel-Faktor im Maisfeld

Man kann sich das Ganze ungefähr so vorstellen: Die Uhr schlägt halb drei Uhr nachts mitten auf dem Maisfeld – Plötzlich erklingt Motorenlärm – Auf einmal klackert ein metallisches Geräusch eines Gewehrverschlusses – Kurz darauf – Ein kurzer alarmschlagender Warnlaut eines Wildschweins dringt durch die Nacht – Das war´s. Die Gruselgeschichten für Wildschweine dauern laut Suter nur wenige Sekunden. Wichtig ist, dass die Drehbücher der Wildschweinschreck-Sequenzen kreativ sind, denn sonst könnten die cleveren Schweine den Grusel-Trick durchschauen. „Um die Effektivität der akustischen Beschallung zu erhöhen, erzählen wir über die Lautsprechervorrichtung eine Reihe unterschiedlicher akustischer Geschichten zu sich wiederholenden, zeitlich jedoch variierenden Zeitpunkten“, erklärt Suter. Dabei würden arteigene Warn- und Alarmlaute mit nicht artspezifischen

Nahaufnahme eines Wildschweinschrecks im Feld

Nahaufnahme eines Wildschweinschrecks in einem Maisfeld. Quelle: ZHAW.

Geräuschen, die Wildschweine mit Gefahr in Verbindung bringen würden, kombiniert. Wenn der ZHAW-Forscher von „nicht artspezifischen Geräuschen“ spricht, meint er damit Gewehrschüsse, Nachladegeräusche, Schritte oder Stimmen, Hundegebell oder das Zuschlagen einer Tür. Ein Lichtsensor an der Vorrichtung ermögliche außerdem die automatische Einschaltung bei Dunkelheit. Bei besonders hohem Wildschweindruck verstärkt der Einsatz von mehreren Lautsprechern im offenen Feld den räumlichen Klangeffekt. Dadurch ist die genaue Ortung der potentiellen Gefahrenquelle für das Schwarzwild erschwert. Dies schaffe eine optimale Umgebung der Unsicherheit, so Suter. Ganz vermeiden könnte man Schäden mit der neuen Entwicklung jedoch nicht, denn es gäbe wohl auch immer wieder vereinzelt freche Tiere mit wenig Scheu, so Suter.

Schwarzwildpopulation schießt durch die Decke

Hintergrund für die neue Entwicklung ist die aktuell massive Zunahme der Schwarzwildpopulation in der Schweiz und in Nachbarländern. Hauptgrund dafür sind bessere Fortpflanzungsbedingungen. Auf der einen Seite ist dies auf die Zunahme natürliche Nahrungsquellen zurückzuführen und auf der anderen Seite teilweise auch auf die Ausweitung des Maisanbaus. „Vor etwa 40 Jahren gab es noch alle sechs bis acht Jahre ein Baummastjahr“, umreißt Suter die Hintergründe, „aktuell treten jedes oder jedes zweite Jahr Mastjahre der Buche bzw. Eichel auf.“

Allgemein bekannt ist, das Rotten in Mastjahren vermehrt in der Deckung des Waldes Schutz suchen. Dadurch sind sie in solchen Jahren besonders schwer zu bejagen. Dies spiegelt sich auch in den Streckenzahlen des Deutschen Jagdverbandes (DJV) wider. Der Zeitpunkt an dem eine Bache Nachwuchs bekommen kann, hängt zudem mehr mit ihrem Gewicht als mit ihrem Alter zusammen. In fetten Jahren können sich so bereits sechs bis acht Monate alte Jungtiere fortpflanzen. Nach einem Mastjahr steigen die Schäden in landwirtschaftlichen Kulturen daher regelmäßig um ein Vielfaches an.

Warum Prävention wichtig ist

Landwirte bekommen bei Schäden durch Schwarzwild grundsätzlich eine geldliche Gegenleistung. Dadurch fehle laut Suter häufig die Motivation der Landwirte, etwas dagegen zu unternehmen. „Das Problem ist, das jeder Schaden ein Erfolg für die Fortpflanzung der Wildschweine ist“, beschreibt Suter die Problematik aus seiner Sicht, „mehr Schäden bedeutet mehr Futter und dies führt anschließend zu einer höheren Population und zu noch größeren Schäden.“ Suter nennt dies einen Teufelskreis. Prävention sei daher ein grundlegender Ansatz für die Bekämpfung des Schwarzwildproblems.

Wildschweinen den Appetit verderben

Um das Problem im Zaum zu halten, könnte eine Anpflanzung alternativer Kulturpflanzen, die den Wildschweinen nicht „munden“, eine Lösung bieten. Beispiel hierfür ist Sudangras (Sorghum x drumondii oder auch Sorghum sudanese) oder die Durchwachsene Silphie (Silphium perfoliatum). Ersteres bietet als Futterpflanze eine sinnvolle Alternative zur Anpflanzung von Futtermais. Entscheidender Vorteil des Sudangrases ist außerdem eine äußerst ausgeprägte Trockenresistenz. So benötigt es auch in trockenen Jahren keine Bewässerung. Ein Einsatz solcher Kulturpflanzen als Alternative auf durch Schwarzwild gefährdeten Flächen, beispielsweise am Waldrand, helfe laut Suter in Kombination mit anderen vergrämenden Maßnahmen, präventiv gegen die voranschreitende Zunahme der Populationen vorzugehen.

Fazit

Mit dem Wildschweinschreck steht Landwirten und Jägern nun ein wissenschaftlich untersuchtes Präventionsmittel zum nachhaltigen Wildtiermanagement zur Verfügung. Zwar bietet auch der Wildschweinschreck keine hundertprozentige Sicherheit gegen Schwarzwildschäden, hilft aber dabei sie nachhaltig zu begrenzen. Im Rahmen des Forschungsprojektes konnte, auch mithilfe von GPS-GSM-Sendehalsbändern, gezeigt werden, dass die Schäden unter Verwendung des Wildschweinschrecks signifikant geringer ausfallen und sich das Raumverhalten des Schwarzwildes zugunsten der Landwirte verändert. Besonders sinnvoll ist ein Einsatz in Kombination mit weiteren Präventionsmaßnahmen wie beispielsweise Schwefel Düngung mit Nebeneffekt, Zäune oder anders repellent wirkende Mittel.

Weitere vertiefende Informationen zur Forschungsarbeit sind im offiziellen Schlussbericht des Projektes zu finden.

Wildschwein mit Ohrmarke und Sender aus Forschungsprojekt

Wildschwein mit Ohrmarke und Sender aus dem Forschungsprojekt für Wildtiermanagement. Quelle: ZHAW.